Vier überlebenswichtige Prüfungen

Auf ihrem Weg in eine erfolgreiche Zukunft müssen unsere M+E-Betriebe längerfristige, grundlegende Veränderungen stemmen. Diese vier Aufgaben sind für sie überlebenswichtig: Digitalisierung, Dekarbonisierung (Abschied von CO2 verursachenden Produktionsverfahren und Produkten, „Klimaneutralität“), Demografie und De-Globalisierung. Für diese Herkulesaufgabe „4D“ müssen die M+E-Unternehmen zusätzliche Anstrengungen und Investitionen mobilisieren. Und nicht nur das: 4D wirbelt vorhandene Märkte teilweise komplett durcheinander – mit ungewissem Ausgang. Keiner weiß, ob unsere M+E-Unternehmen und ihre Standorte in Deutschland auch künftig noch international führend sein werden wie heute.

Digitalisierung

Die Veränderungen durch die Digitalisierung sind im Alltag der Bürgerinnen und Bürger längst angekommen. Für die Wirtschaft allgemein, aber auch für die M+E-Industrie bedeuten sie eine klare Kampfansage um die Zukunft. Denn die Digitalisierung krempelt die komplette Wertschöpfungskette um: Neue Produkte werden nachgefragt, neue Vertriebswege erschlossen. Neue Märkte entstehen, zum Teil auch mit völlig neuen Wettbewerbern, die wiederum mit komplett anderen Rahmenbedingungen agieren können. In diesem neuen Umfeld müssen sich die am Markt führenden Unternehmen aus unserer Industrie und vor allem ihre Standorte in Deutschland immer wieder neu behaupten.

Bei der Digitalisierung liegt Deutschland im internationalen Vergleich übrigens keineswegs an der Spitze. Als Verbraucher spüren wir das bei Löchern im Mobilfunknetz oder langsamem Internet in ländlichen Regionen (manchmal sogar noch in Städten oder Stadtteilen). Darunter leiden auch Unternehmen, die an ihren Standorten auf leistungsfähige Datenleitungen angewiesen sind. Doch auch die Wirtschaft selbst hat noch Nachholbedarf. Nach einer Umfrage aus dem Jahr 2020 nutzten damals erst 28 Prozent der deutschen Industrieunternehmen umfassend digitale Daten. Bei der Integration digitaler Technologien steht die deutsche Wirtschaft im europäischen Vergleich im hinteren Mittelfeld.

Und bei den IT-Investitionen bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt liegt Deutschland weit abgeschlagen hinter Wettbewerbern wie Frankreich, den USA, Japan oder Großbritannien. Um diese Länder einzuholen, müsste Deutschland seine IT-Investitionen in den nächsten Jahren verdoppeln oder gar verdreifachen.

Energiewende und Klimaschutz

Die zweite, für unsere Unternehmen überlebenswichtige Prüfung betrifft die Umwelt: Deutschland hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2045 klimaneutral zu sein. Die EU will dies spätestens 2050 erreichen. Das bedeutet, dass alle klimabelastenden Kohlendioxid-Emissionen (CO2) vermieden oder maximal reduziert werden müssen. Dekarbonisierung lautet der Fachbegriff hierfür. Treiber dieses Umbaus ist die bereits eingeleitete Energiewende, die sich von allen fossilen Energieträgern verabschiedet, die zur Energiegewinnung verbrannt werden.

Die Ziele sind ehrgeizig, technologisch aber grundsätzlich erreichbar. Jedoch kostet auch diese Transformation viel Geld. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hat vorgerechnet, dass allein bis 2030 rund 860 Milliarden Euro zusätzlich investiert werden müssen, um die Zwischenziele zu erreichen, also rund 100 Milliarden Euro pro Jahr. Auf die Industrie entfallen hiervon insgesamt rund 50 Milliarden Euro. Hinzu kommen noch weitere 20 Milliarden Euro aufgrund von steigenden Material- und Energiekosten hinzu (die aktuelle Entwicklung noch nicht berücksichtigt).

Von dieser Transformation sind alle Unternehmen betroffen, etwa bei der Umstellung ihrer Produktionsverfahren oder bei ihrem Energiebezug. Vor allem aber die Branchen, bei denen auch die Produkte bisher CO2 ausstoßen, also insbesondere die Automobilindustrie, stehen vor einer besonders großen Herausforderung – zumal auf europäischer Ebene angestrebt wird, Verbrennungsmotoren in Neuwagen bis 2035 komplett zu verbieten.

Viele Automobilhersteller haben angekündigt, diesen Umstieg bis dahin oder sogar noch schneller zu schaffen. Vor allem für Zuliefererbetriebe, die ausschließlich oder zu einem großen Teil in den konventionellen Antriebsstrang hineinliefern, ist die Herausforderungen jedoch viel gewaltiger. Sie benötigen teils komplett neue Geschäftsmodelle. Viele Unternehmen sind dabei auf einem guten Weg, ob es aber alle schaffen werden, ist fraglich.

Ob durch diese Transformation im Automobilbereich unterm Strich auch Arbeitsplätze wegfallen werden, ist umstritten. Fakt ist, dass für die Produktion von Elektromotoren deutlich weniger Arbeitnehmer benötigt werden als für die Herstellung von Verbrennungsmotoren. Andererseits entstehen aber auch neue Jobs, etwa für Batteriesysteme, für Sicherheit, Vernetzung oder autonomes Fahren. Allerdings werden Beschäftigte, die bisher Motoren gebaut haben, nicht einfach in diese neuen Bereiche und zu einem großen Teil auch nicht in andere Unternehmen wechseln können. Hier wächst die Bedeutung von Qualifizierung und Weiterbildung, die dazu beitragen können, den Wandel abzufedern – wobei aber auch die Bereitschaft der Beschäftigten gefragt ist, sich auf den Weg zu neuen Tätigkeiten zu machen.

Demografie und Fachkräftesicherung

Die dritte überlebenswichtige Zukunftsaufgabe ist die Bewältigung des demografischen Wandels. Dieser wird für die Unternehmen aktuell spürbar: Die geburtenstarken Jahrgänge („Baby-Boomer“) kommen ins Rentenalter. Und während sie aus dem Arbeitsleben ausscheiden, stehen ihnen deutlich geburtenschwächere Jahrgänge gegenüber, die auf den Arbeitsmarkt drängen. Die Folge ist: Arbeitskräfte allgemein, vor allem aber Fachkräfte in besonders gefragten Disziplinen, werden immer knapper.

Werte für Deutschland

Besonders in den für die M+E-Industrie so wichtigen MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) gibt es bereits heute erhebliche Engpässe. Im April 2022 fehlten allein in Baden-Württemberg 44.800 Fachkräfte in den MINT-Berufen - so viel wie noch nie in den letzten zehn Jahren. Für die Unternehmen ist der Fachkräftemangel daher – nach den aktuellen Lieferengpässen – der zweitwichtigste Grund, warum zum Teil nicht so viel produziert werden kann, wie eigentlich möglich wäre. Außerdem sorgt die Transformation dafür, dass sich die Arbeitswelt und damit auch die Anforderungen an die Qualifikation der Beschäftigten derzeit sehr schnell und sehr umfassend verändern.

Durch den Fachkräftemangel und die Veränderungen im Zuge der Transformation entsteht daher ein enormer Bedarf an Weiterbildung. Laut der aktuellen Future-Skills-Studie werden in der baden-württembergischen M+E-Industrie allein in den vier Branchen Automobil & Zulieferer, Maschinenbau, Metallindustrie und Medizintechnik in den nächsten drei Jahren mehr als eine Million zusätzlicher technologischer Kompetenzen benötigt – wobei ein Job oft mehrere zusätzliche Kompetenzen vereint. Auch digitale Schlüsselqualifikationen und überfachliche Fähigkeiten werden verstärkt benötigt. Der Wandel wird also eine hohe Weiterbildungs- und Veränderungsbereitschaft der Beschäftigten im Sinne eines lebenslangen Lernens erfordern.

De-Globalisierung

Und eine vierte große Zukunftsaufgabe wartet deutlich erkennbar auf unsere Unternehmen: die De-Globalisierung. Damit dreht sich der Megatrend der letzten erfolgreichen Jahrzehnte. Denn unsere Unternehmen und unsere Industrie haben bislang von der Globalisierung profitiert. Der weltweite Erfolg der M+E-Produkte und -Dienstleistungen, aber auch der Aufbau von Standorten in anderen Ländern haben dazu beigetragen, Beschäftigung und Wohlstand hier am Standort Deutschland und in Baden-Württemberg zu sichern.

 

Allerdings spüren auch unsere Unternehmen, dass der Handel durch zunehmende Abschottung belastet wird. Der Brexit, das Scheitern internationaler Handelsabkommen, die „America-First“-Politik der USA (ganz gleich unter welchem Präsidenten) oder die Spannungen in den Handelsbeziehungen zwischen den USA und China sind die wichtigsten Beispiele. Ganz aktuell spüren die Unternehmen die Abhängigkeit von der Globalisierung auch bei den Versorgungsengpässen, nachdem die Lieferketten durch die Pandemie aus dem Tritt gebracht wurden und nachdem Russland als wichtiger Lieferant von Rohstoffen und Energie nach und nach ausfällt. Letzteres hat vor allem die Risiken aufgezeigt, die zu einseitige Abhängigkeiten von einzelnen Lieferanten oder Ländern bedeuten. Mittlerweile wird auch nicht zuletzt mit Blick auf die Taiwan-Frage verstärkt darüber diskutiert, ob die in den letzten Jahrzehnten stark gestiegene Abhängigkeit von China korrigiert werden muss.

Dieser Trend der De-Globalisierung bedeutet in erster Linie zusätzliche Unsicherheiten und Risiken für unsere Industrie und unser Unternehmen, die zur Vorsicht mahnen. Ein vollständiger Abschied von der Globalisierung ist jedoch nicht möglich, nicht einmal die moralisch wünschenswerte Beschränkung auf Handelspartner, die unsere demokratischen Werte teilen. Denn Fakt ist auch, dass mehr als die Hälfte der Menschen in nicht-demokratischen Systemen leben. Würden wir auf jegliches Geschäft mit solchen Regionen verzichten, bräche ein sehr großer Teil unseres internationalen Geschäftes schlagartig weg. Für die Exportnation Deutschland und mehr noch für die international besonders erfolgreiche baden-württembergische M+E-Industrie würde dies zu verheerenden wirtschaftlichen und in der Folge auch sozialen Verwerfungen führen.

Versorgungssicherheit kostet Geld

Dennoch haben viele Unternehmen bereits auf die Veränderungen reagiert. Laut einer aktuellen Umfrage sind knapp zwei Drittel unserer Firmen dabei, ihre Lieferketten breiter aufzustellen. Die Einbeziehung alternativer Lieferpartner verringert Abhängigkeiten und erhöht die Versorgungssicherheit. Solche Entscheidungen bewirken aber auch, dass nicht mehr der Preis allein oder zuerst darüber entscheidet, wo Rohstoffe, Energie und Vorprodukte eingekauft werden. Die Folge: eine zusätzliche Kostenbelastung für unsere Unternehmen.

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